Frankfurter Allgemeine – Ein neuer Staat in Europa?

Katalonien fordert die Unabhängigkeit. Es will nicht mehr Zahlmeister Spaniens sein. Solche Regionalkonflikte werfen Schatten auf Europa: sie zeigen mögliche Bruchstellen einer Transferunion.

Die Nerven liegen blank in Spanien. Während das Land am finanziellen Abgrund steht, ist im nordöstlichen Teil ein Regionalkonflikt eskaliert, der die Einheit des Königreichs bedroht. In Katalonien, einer der reichsten Regionen, ertönt lauter denn je der Ruf nach staatlicher Unabhängigkeit. Die Schuldenkrise hat der separatistischen Bewegung Auftrieb gegeben. Am 11. September versammelten sich in den Straßen Barcelonas bis zu 1,5 Millionen Katalanen und schwenkten die „Senyera“, die goldgelbe Fahne mit vier roten Streifen. Auf vielen Flaggen prangten fünfzackige Sterne: das Zeichen der Unabhängigkeitsbewegung. „Es war unglaublich“, sagt Wirtschaftsminister Andreu Mas-Collel. „Niemand hatte das erwartet.“ Die Massenmobilisierung durch lokale Gruppen hat auch die Regionalregierung überrumpelt.

Alljährlich treffen sich im September die Nationalisten, um der Niederlage der katalanischen Truppen im Spanischen Erbfolgekrieg 1714 zu gedenken. Nie zuvor traten sie aber so machtvoll in Erscheinung. „Katalonien: Ein neuer Staat in Europa“ lautete das Motto der Demonstration. Fast jeder Fünfte der 7,5 Millionen Katalanen nahm teil. Das politische Madrid war entsetzt. König Juan Carlos warnte, die Unabhängigkeitsbestrebungen seien „Hirngespinste“ – aber in Barcelona sieht man es anders. „Ein Hirngespinst ist vielmehr, dass in Katalonien alles beim Alten bleiben könnte“, sagte Regionalpräsident Artur Mas. Mas hat für den 25. November vorzeitige Neuwahlen ausgerufen, seine liberal-konservative Koalitionspartei Convergència i Unió kann mit Zugewinnen rechnen. Wird er gestärkt, will er – vermutlich in zwei Jahren wie die Schotten – ein Referendum über „einen eigenen Staat in Europa“ abhalten.

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